Werdet nicht | nachhaltig!

Mitten in der Klimakrise und dem beschleunigten Artensterben suchen verschiedenste alarmierte Akteur:innen fieberhaft nach Auswegen. Kurzfristig werden dabei politische Steuerungsmaßnahmen die schlimmsten Folgen eventuell noch abfedern können. Langfristig setzen viele Nationen auf Bewusstseinswandel, der durch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gefördert werden soll. Für die notwendige gesellschaftliche Transformation ist die BNE in ihrem aktuellen Format aber eher Problem als Lösung.

 

Am 11. September 2021 demonstrierten etwa 25.000 Menschen gegen die IAA-Mobility in München. Sie forderten eine klare Abkehr von der autodominierten Verkehrspolitik. Armin Laschet, Spitzenkandidat der CDU, zeigte wenig Verständnis: „Das ist die grünste IAA, die es je gegeben hat. Dass man dagegen noch demonstriert, Straßen blockiert und den Kampf gegen diese Industrie führt, zeigt: Manchen geht es nicht um Umweltschutz, sondern um Systemveränderung.“

 

Nota bene: eine „grüne“ Automobilausstellung. Die Zeiten, in denen Ökologie und Ökonomie in einem unversöhnlichen Widerspruch standen, scheinen endgültig ihrem Ende entgegenzusehen. Die grüne Industrie verspricht, mit mehr nachhaltigem Konsum, sanftem Tourismus und umweltverträglichem Bauen jene Widersprüche aufzuheben. Als Begleitprogramm für diesen – Hoffnung generierenden – ökologischen Umbau hat sich eine Vielzahl von Staaten auf die Förderung der BNE verständigt. Mit ihr sollen einschlägige Kompetenzen vermittelt werden, damit das gleichzeitige Verfolgen so unterschiedlicher Ziele wie Wirtschaftswachstum und Klimaschutz von den Bürger:innen mitgetragen wird.

 

Dementsprechend ist im Programm der BNE die Signatur eines (ökologischen) Fortschritts, einer besseren Gesellschaft, einer friedlichen Zukunft enthalten. Nun hat die Diskussion in den letzten Jahren gezeigt, dass genau diese Motive problematisch werden können. Denn wir befinden uns nicht mehr in einer klassischen ökologischen Krise, in der der Mensch ein Problem für die Umwelt ist, sondern in einer Krise des In-der-Welt-Seins: Wir können nicht mehr von Folgen in der Zukunft und ökologischen Kosten sprechen, uns um die Umwelt kümmern, Lösungen für kommende Probleme suchen, bessere Ökolog:innen werden. Denn Zoonosen, invasive Arten oder symbiotische Mechanismen stoßen uns mit Nachdruck darauf, dass der Mensch kein atomistischer Organismus ist. Er bewegt sich nicht auf einer passiven Bühne der Welt, sondern vielschichtig mit der Welt verwoben.

 

Das Anthropozän – als Bezeichnung für diese Krise des In-der-Welt-Seins –  mahnt entsprechend eine neue Ontopolitik an: Die Verteilung der Körper, Dinge, Eigenschaften, Hierarchien und Materialitäten ist Bestandteil einer politischen Ordnung und damit auch Ausdruck einer Ontomacht. Es gibt nicht die Natur. Sie wurde nur zu einer solchen erklärt, damit wir aus einer vermeintlich souveränen Position über sie verfügen können. Im Anthropozän müssen wir diese herrschaftlichen Dualismen dekonstruieren, ein anderes In-der-Welt-Sein anstreben.

 

Wir müssen die Alltagspraktiken der Gesellschaft mit neuen Verwicklungen, Kontaminationen und Interferenzen anreichern. Diesseits von Nachhaltigkeitsphantasmen, nach denen wir mit der Welt nur richtig umgehen müssen, geht es darum, die Unterscheidung zwischen Mensch und Umwelt aufzulösen. Wir müssen uns nicht um sie kümmern, sondern eine gemeinsame Sorgepraxis entwickeln. Dann nähme die von Laschet befürchtete Systemveränderung Gestalt an, die ihm als Gespenst dräute, tatsächlich aber den Weg für die Befreiung aus den Fesseln einer weltabgewandten, autonomen Subjektivität bereiten könnte.

 

Den Horizont für politische Bildungsaktivist:innen sollte eine terrestrische (Terra=Erde), demokratische Existenzweise bilden:

  • Bildet euch nicht über die Welt, sondern sorgt euch um sie – geht affektive Verbindungen des Mit-Seins mit ihr ein!
  • Strebt nicht nach Immunität und Autonomie, sondern werdet prekär, verletzlich, berührbar von der Welt! Das Prekärsein ist das Gegenteil eines idealisierten, immunisierten, nachhaltigen Selbst-Welt-Verhältnisses, das sich der Welt gegenüber wähnt.
  • Entschleunigt euch nicht, um Mensch und Umwelt in einem möglichst natürlichen, nachhaltigen Zustand zu bewahren. Beschleunigt den Zerfall des Menschen! Erst in einer posthumanistischen Alltagspraxis gibt es Aussicht auf Leben in der bereits zerstörten Welt.
  • De-Kompetenzt euch! Sucht nach politischen Praxen des Mit-der-Welt-Seins.

 

ÜBER DEN AUTOR

Werner Friedrichs, Dr., Akademischer Direktor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zuvor Forschung zu den sozialphilosophischen Grundlagen politischer Bildung an verschiedenen Universitäten (u. a. Universität Hamburg und Leibniz-Universität Hannover) Veröffentlichungen u.a.: Zurück zu den Dingen. Politische Bildungen im Medium gesellschaftlicher Materialität, Baden-Baden 2020.