Männlichkeit* vs. Weiblichkeit*: Geschlechtsdichotomie als Bedingung von Fundamentalismus

Fundamentalistisches Gedankengut ist eine reaktionäre Antwort auf die Infragestellung männlicher* Besitz- und Dominanzansprüche, die ein bestimmtes Wertesystem prägen, welches in vielen Teilen der Welt nach wie vor vorherrscht. Um die Besitzansprüche auf die Frau* zu legitimieren, wird eine göttliche Vorhersehung behauptet, die das Männliche* in seiner Wertigkeit überhöht. Die Ungleichheit zwischen Mann* und Frau* ist zentral für dieses Wertesystem, wodurch die Diskriminierung der Frau* als Basis für den Erhalt von fundamentalistischen Bewegungen gesehen werden kann.  

Männliche* Dominanz- und Besitzansprüche

Das Wiedererstarken religiös-autoritärer Kräfte kann dort beobachtet werden, wo ein patriarchal geprägtes Wertesystem durch weitgehende Modernisierungs- und Säkularisierungsprozesse infrage gestellt wird. Die soziale Ordnung, die dieses Wertesystem repräsentiert, gerät dadurch ins Wanken, während jene männlichen* Ansprüche, welche die sozialen Beziehungen in vielen Teilen der Welt bisher prägten und immer noch prägen, hinterfragt werden. Zur Wahrung bzw. Wiederherstellung der alten Ordnung wird eine göttliche Vorhersehung behauptet, die den Wert des Männlichen* über den des Weiblichen* stellt.

Die Fragilität göttlicher Ordnung

Jene soziale Ordnung strukturiert insbesondere die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, reguliert den Handlungsspielraum von Frauen* und weist ihnen spezifische Rollen zu, die vor allem in der Bedürfnisbefriedigung der männlichen* Verwandten bestehen. Die traditionell-patriarchalen Werte erheben das Männliche* zur Norm und die sexuelle „Reinheit“ der Frau* sowie ihr „sittliches“ Verhalten zur öffentlichen und politischen Frage. „Sittlichkeit“ wird im Sinne eines Rückzugs in den privaten Raum, der nur verschleiert verlassen werden darf, verstanden, da die unverschleierte femme fatale den Mann* seiner Kontrolle beraubt und die soziale Ordnung gefährdet.

Eine Frage der Ehre

Die Ehre der Frau* ist gleichbedeutend mit der Ehre der Familie, die gedemütigt und beleidigt wird, wenn sich eine Frau* „unsittlich“ verhält oder nicht Demut und Respekt gegenüber männlichen* Verwandten zeigt. Um ein solches Verhalten im Vorhinein zu unterbinden, werden alle Handlungen der Frauen* kontrolliert, ihre sozialen Beziehungen reguliert sowie ihr öffentliches Auftreten auf die nötigsten Tätigkeiten beschränkt und nur verschleiert zugelassen. Die Verdrängung in das Private wird dabei mit dem Wohl der Familie bzw. mit den „gottgewollten“ Reproduktionsaufgaben der Frau* begründet, und die Verschleierung dient als Schutz vor männlichen Blicken oder Belästigungen, um unsittlichem Verhalten vorzubeugen.

Gegen eine toxische Männlichkeit*

Wie meistens, wenn es um Fragen* von geschlechtsspezifischer Ungleichheit geht, sind es bestimmte Bilder von Männlichkeit* (und Weiblichkeit*), die von einem restriktiven, traditionellen und patriarchalen Rollenverständnis und einer entsprechenden Aufgabenteilung geprägt sind. Es ist daher für die Bekämpfung fundamentalistischen Gedankenguts notwendig, alternative und moderne Rollenbilder zu vermitteln und junge Menschen dabei zu unterstützen, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Bekämpfung von Frauen*feindlichkeit

Auch in Teilen westlicher Gesellschaften findet sich nach wie vor eine Abwertung alles Weiblichen*, die dort besonders ausgeprägt ist, wo Männlichkeit* seine dominante Bedeutung verliert, die es aufgrund einer angeblich vorherbestimmten, sozialen Ordnung besitzt. Die Legitimität dieser Besitzansprüche verliert an Geltung, das Weibliche* ist nicht länger kontrollierbar, worauf manche Männer* mit Abwertung reagieren, um sich selbst zu erhöhen. Toxische Männlichkeit* und Frauen*feindlichkeit stehen dabei in einem unmittelbaren Zusammenhang.

Bildung zu einem modernen Religionsverständnis

Bildung ist, wie so oft, ein Schlüssel, um fundamentalistischem Gedankengut entgegenzuwirken. (Junge) Menschen sollten dabei unterstützt werden, durch eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten einer religiösen Botschaft ein moderates Religionsverständnis zu entwickeln und so immun gegen radikale Botschaften zu werden. Dabei muss aufgezeigt werden, wie Werte einer Religion mit Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Frauen*rechten vereinbar sind.

 

Über die AUTORIN

Valeria Zenz, MA, hat Soziologie an der Universität Wien studiert und arbeitet seit 2019 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung in Wien IKF. Zwischen 2014 und 2019 war sie für die Deutsche Gesellschaft für Soziologie DGS, am Institut für Soziologie der Universität Wien und am Institut für Höhere Studien IHS tätig.