LGBTI-Obdachlosigkeit: Ein unsichtbares Problem

Das Recht auf Wohnen ist im Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Dennoch sind in Europa laut Schätzungen aktuell rund vier Millionen europäische Staatsbürger:innen obdachlos. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Obdachlosen in der EU laut Europäischen Parlament um 70 Prozent gestiegen, und aufgrund der ökonomischen Auswirkungen von COVID-19 ist ein zunehmender Anstieg zu erwarten. Um dem entgegenzuwirken, formulierte das Europäische Parlament das Ziel, Obdachlosigkeit innerhalb der EU bis zum Jahr 2030 zu beenden. Um dem näher zu kommen, ist es unerlässlich, sich dem Thema Obdachlosigkeit unter Berücksichtigung dessen Komplexität und Vielschichtigkeit aus intersektionaler Perspektive anzunähern. Vorherrschende gesellschaftliche Bilder in Zusammenhang mit Obdachlosigkeit sind auf die Betroffenheit von heterosexuellen cis Männern reduziert, und auch die Angebote von Hilfseinrichtungen orientieren sich meist primär an deren Bedürfnissen.

(Die Bezeichnung cis beschreibt Personen, die sich mit jenem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde, und diese Geschlechtsidentität leben. Trans hingegen beschreibt Personen, die nicht das Geschlecht haben, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde. Cis und trans werden hier als Adjektive verwendet, um eine Reduzierung von Personen auf ihre Geschlechtsidentität zu vermeiden.)

In den letzten Jahren ist es gelungen, den geschlechterspezifischen Bedürfnissen von Frauen mehr Beachtung im Bereich der Obdach- und Wohnungslosenhilfe zuzuschreiben, nicht zuletzt aufgrund der sozialpolitischen Bemühungen des Frauen-Arbeitskreises der BAWO Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe. In zahlreichen Einrichtungen erfolgten räumliche Umstrukturierungen, wie beispielsweise eine Trennung nach Geschlecht in Notschlafplätzen oder etwa die Schaffung von Frauenschutzräumen. Wenngleich diese Maßnahmen eine erhebliche Qualitätssteigerung für viele Frauen bedeuten, richten diese sich primär an die Bedürfnisse von heterosexuellen cis Frauen. In der momentanen Einrichtungslandschaft wird LGBTIs (lesbian, gay, bisexual, trans and intersex people) nicht ausreichend Berücksichtigung geschenkt, was sich im Fehlen von Schutzmöglichkeiten für eine gesellschaftliche Gruppe bemerkbar macht, die ein erhöhtes Risiko hat, zum Ziel von Gewalt und Diskriminierung zu werden.

In den USA haben LGBTI-Jugendliche ein 120 Prozent höheres Risiko, in ihrem Leben von Obdachlosigkeit betroffen zu sein, als heterosexuelle cis Jugendliche. In städtischen Räumen sind rund 20 Prozent der obdachlosen Jugendlichen LGBTIs, in ländlichen Regionen ist dieser Anteil mit 40 Prozent sogar noch höher. In Anbetracht des vergleichsweisen niedrigen Anteils an LGBTIs in der Gesamtbevölkerung (rund fünf bis zehn Prozent), sind LGBTIs unter Obdachlosen stark überrepräsentiert. In Kanada erreicht ihr Anteil unter obdachlosen Jugendlichen je nach Studie und Erhebungsort zwischen 20 und 40 Prozent, und im Vereinigten Königreich 24 Prozent. Wenngleich sich die Befunde aus den USA, Kanada und dem Vereinigten Königreich aufgrund regional-geographischer Spezifika und unterschiedlicher Geschlechternormen nicht einfach auf den deutschsprachigen Raum übertragen lassen, zeichnet sich anhand dieser Zahlen ein Problembereich ab, dem auch in Österreich dringend Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Insbesondere während der Jugend sind LGBTIs einem erhöhten Risiko für Wohnungs- und Obdachlosigkeit ausgesetzt. Dies ist nicht verwunderlich, als dysfunktionale Familienverhältnisse als Hauptgrund für Jugendobdachlosigkeit identifiziert werden können – und die heteronormative Kernfamilie ist für LGBTIs häufiger „dysfunktional“ als für hetero cis Personen. In manchen Fällen verändern sich innerfamiliäre Verhältnisse im Prozess eines Coming-Outs als LGBTI drastisch. Heteronormative Denkmuster können Auslöser für  Familienkonflikte darstellen und einen Entzug von materiellen, sozialen und/oder emotionalen Ressourcen mit sich bringen, bis hin zum Ausschluss aus der familiär geteilten Wohnsituation oder dem Verlust eines gesicherten Wohnverhältnisses durch das Austreten aus einer emotional unzumutbaren Situation. Aber auch im Erwachsenenalter können LGBTIs aufgrund gesellschaftlicher Diskriminierung und Exklusion am Wohnungs- und Arbeitsmarkt verstärkt von Obdachlosigkeit betroffen sein.

Ein Fluchthintergrund kann ein weiterer Weg in die Obdachlosigkeit für LGBTIs darstellen. Laut Genfer Flüchtlingskonvention ist LGBTI-Sein ein anerkannter Fluchtgrund, der unter dem Punkt „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“ verhandelt wird. Asylverfahren unter Angabe dieser Begründung sind häufig unzumutbar invasiv, weil Asylsuchende genötigt werden, ihr LGBTI-Sein glaubhaft unter Beweis zu stellen. Bis zum Abschluss des Asylverfahrens werden LGBTIs ungeachtet ihrer verletzungsoffenen Situation in Flüchtlingsunterkünften untergebracht, wo sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, zum Ziel von psychischer und physischer Gewalt zu werden, ohne entsprechenden Schutz der österreichischen Asylbehörden.

Was zu tun ist

Ausbau bestehender Angebote. Als erster Schritt in Richtung einer LGBTI-bewussteren Wohnungslosenhilfe in Österreich ist es unbedingt notwendig, konkrete Schutzmöglichkeiten und Ansprechpersonen in Einrichtungen zu schaffen. Solange nur, wie bislang üblich, bestenfalls „bei Bedarf“ auf das Thema eingegangen wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass obdachlose LGBTIs nicht an bestehende Einrichtungen andocken und damit in Unsichtbarkeit verbleiben.

Bürokratie und Verwaltung. Laut österreichischem Gesetz ist seit Juni 2018 ein dritter Geschlechtseintrag neben männlich und weiblich möglich. Einrichtungen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe basieren jedoch in ihrer Grundstruktur auf dem System der Zweigeschlechtlichkeit. In der Regel sind Plätze in Einrichtungen entweder Männern oder Frauen gewidmet, wodurch die Eingliederung von Personen, die nicht Teil dieser Kategorien sind, oder deren Dokumente einen falschen Geschlechtseintrag angeben, in dieser heteronormativen Struktur zu Schwierigkeiten führt. Plätze explizit LGBTIs zu widmen oder zumindest mehr nicht-gewidmete Plätze anzubieten, würde diese Situation entschärfen.

Forschung. Für den österreichischen Kontext steht kein Datenmaterial zu Verfügung, das als Grundlage für fundierte Policy-Entscheidungen herangezogen werden kann. Aufgrund des Mangels an quantitativen Erhebungen ist derzeit unklar, wie viele LGBTIs in Österreich von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind, selbst für Hochrechnungen oder Schätzungen fehlt jegliche Grundlage.

Vernetzung. Eine stärkere Vernetzung zwischen der LGBTI-Community und der Obdach- und Wohnungslosenhilfe eröffnet die Möglichkeit, Überschneidungen dieser Gruppierungen zu erkennen und zu berücksichtigen. Weil diese Vernetzungsarbeit einen wertvollen Beitrag für die Optimierung von Angeboten leisten kann, sollte diese auch finanziert werden und nicht in Gratisarbeit und Bemühungen von Einzelpersonen ausgelagert werden.

 

Über die Autorin

Viktoria Eberhardt, BA Bakk.phil. MA, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung. Davor absolvierte sie das Masterstudium Internationale Entwicklung sowie die Bachelorstudiengänge Internationale Entwicklung und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie war jahrelang als studentische Mitarbeiterin an der Universität Wien und als externe Lektorin tätig und ist Mitautorin der Studie Queer in Wien. Forschungsschwerpunkte: Queer Studies, Entwicklungsökonomie, Feministische Ökonomie.