Corona und der Aluhut

Photo by Tom Radetzki on Unsplash https://unsplash.com/photos/idRpmZVNs30

Sind Verschwörungsmythen rund um Covid-19 gefährlich?

 Die letzten Wochen waren für uns alle außergewöhnlich, krisenhaft, beängstigend. Vermeintliche und tatsächliche Gewissheiten, Autoritäten und Routinen wurden außer Kraft gesetzt oder haben an Gültigkeit verloren. In Zeiten größerer Unsicherheit – sei es auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene – florieren Verschwörungsmythen. Doch warum ist das so? Was ist ein Verschwörungsmythos eigentlich? Können sie unser Zusammenleben oder die Demokratie gefährden, oder handelt es sich eher um eine harmlose „Freakshow“? Im Beitrag widmen wir uns möglichen Erklärungsansätzen.

Was ist ein Verschwörungsmythos?

Vermutlich haben Sie in den letzten Wochen mindestens einen der folgenden Mythen gehört: Das Coronavirus existiere in Wahrheit gar nicht. Es wurde erfunden, um (wahlweise) die Neue Weltordnung zu errichten, eine Impfpflicht einzuführen und der Pharmalobby noch mehr Gewinne zu bescheren, oder es diene als Vertuschung der schädlichen Auswirkungen der neuen 5G-Technologie. Auf einer anderen Ebene liest man, dass das Virus in Wahrheit eine Biowaffe sei, die (wahlweise) von der CIA oder der chinesischen Regierung erschaffen wurde. Natürlich gibt es auch eine offen antisemitische Variante: George Soros sei der Mastermind hinter all dem. Dabei handelt es sich um sogenannte Verschwörungsideologien oder -mythen, die sich vor allem online rasend schnell verbreiten und welche die Tatsache anzweifeln, dass es sich derzeit um eine Pandemie handelt, ausgelöst durch ein Virus, das von einem Tier auf die Menschen übergesprungen ist. Auch wenn diese Mythen absurd wirken, können sie große negative Auswirkungen auf die Bekämpfung konkreter Krisen, auf solidarisches Zusammenleben und demokratische Gesellschaften insgesamt haben.

Einige Muster wiederholen sich bei verschiedenen Verschwörungsmythen, und gewisse Akteur*innen werden regelmäßig verdächtigt. Dies beruht oft auf Stereotypen und Vorurteilen, die in einer Gesellschaft verbreitet sind. So findet sich in jeder Verschwörungsideologie ein antisemitischer Kern, häufig begleitet von einem antifeministischen Spin. In Europa kommt immer häufiger ein antimuslimisches Element dazu (Miller 2020).

Verschwörungsmythen folgen einem sehr flexiblen Konzept: Eine begrenzte Personengruppe tut sich im Geheimen zusammen, um irgendein „böses“ höheres Ziel zu erreichen. Drei Prinzipien scheinen dabei zu gelten: Es gibt keine Zufälle. Nichts ist, wie es scheint. Alles hängt irgendwie zusammen (Barkun 2013). Da es eben ein Plot ist, der im Geheimen von sehr mächtigen Akteur*innen geplant und ausgeführt wird, kann man auch kaum mit rationalen oder wissenschaftlichen Argumenten dagegenhalten. Jedes Argument bzw. auch das völlige Fehlen von Beweisen wird als weiterer Beweis für die Existenz bzw. Macht der Verschwörung gesehen. Das macht Verschwörungsmythen einerseits so flexibel und langlebig, andererseits auch gefährlich.

Unter welchen Umständen entstehen Verschwörungsmythen?

Sie treten verstärkt in Zeiten großer Krisen und Phasen allgemeiner Unsicherheiten auf, nach schockhaften Ereignissen und wenn viele Menschen das Gefühl haben, „die Kontrolle zu verlieren“. Eine zentrale Erklärung für diesen Zusammenhang liegt in dem menschlichen Grundbedürfnis nach Sinnstiftung: „Große“ Ereignisse bedürfen einer „großen“ Erklärung (Leman/Cinnirella 2007). Dadurch kann man beängstigenden Dingen „einen Sinn geben“ und das Gefühl bekommen, das Geschehen besser zu kontrollieren (Fiedler/Lamberty 2020). Der Glaube an eine Verschwörung kann auch eine Form von Identität und Gruppenzugehörigkeit stiften (Douglas in Bligh 2020c) oder einem das Gefühl der „Einzigartigkeit“ geben: Nur eine kleine, „besondere“ Minderheit hat alles durchschaut, während die große Masse an die offiziellen Darstellungen glaubt (Imhoff/Lamberty 2017).

Harmlose „Freakshow“ oder Gefahr für die Demokratie?

Es gibt – zumindest für Österreich – keine rezenten Daten dazu, wie viele Menschen an Verschwörungsmythen glauben. Allerdings wissen wir aus internationalen Erhebungen, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung an zumindest einen solchen Mythos glaubt bzw. ihn für plausibel hält (Bligh 2020a). Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft? Können absurd wirkende Theorien als harmlose Spinnerei abgetan werden oder geht von ihren Anhänger*innen auch eine Gefährdung für demokratisch verfasste Gesellschaften aus?

Verschwörungsmythen haben immer auch einen politischen Kern bzw. eine Agenda. Es ist daher wichtig, zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden: Akteur*innen, die eine Theorie aufstellen und bewusst verbreiten, um ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen; und Menschen, die daran glauben und sie womöglich weiterverbreiten (Cassam in Bligh 2020a). So gibt es gerade im Umfeld (rechts-)populistischer Bewegungen oder Politiker*innen viele Verschwörungstheoretiker*innen. Ihre Agenda besteht darin, das allgemeine Vertrauen in „die Eliten“ und Medien zu schwächen (Bergmann in Bligh 2020b). Eine kritische Haltung bzw. Achtsamkeit gegenüber Gruppen und Eliten im Sinne der Machtkritik ist zwar wichtig in einer Demokratie, doch wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr auf eine gemeinsame Informationsbasis einigen kann, driftet sie unweigerlich auseinander.

Weiters zeigt die Forschung, dass der Glaube an Verschwörungen die Bereitschaft zu (gewaltsamem) politischem Handeln steigert: Rechtsextreme Attentäter von Oslo, Toronto bis Halle (Saale) glaubten an verschiedene Verschwörungsmythen und legitimierten ihre Gewalttaten damit. Wer an Verschwörungen glaubt und ein geringes Vertrauen in demokratische Eliten hat, zieht sich eher aus dem demokratischen Diskurs zurück, weil man ihm nicht vertraut oder sich von den Eliten gar bedroht fühlt, und ist eher bereit, gewaltsame politische Handlungen umzusetzen (Lamberty/Leiser 2019).

Speziell in der Corona-Krise besteht eine konkrete Gefahr durch Anhänger*innen von Verschwörungsmythen, da sie sich nicht oder weniger genau an die Sicherheits- und Hygienevorgaben halten und dadurch die Anstrengungen zur Eindämmung des Virus schwächen können. Extrembeispiele sind Corona-Demos gegen Ausgangsbeschränkungen, die vermutlich zur weiteren Ausbreitung des Virus beigetragen haben (The Guardian 2020).

Handlungsempfehlungen

Auf politischer Ebene braucht es gerade in krisenhaften, unsicheren Zeiten größtmögliche Transparenz, offenen und wertschätzenden demokratischen Diskurs. Vor diesem Hintergrund ist etwa die Entscheidung der österreichischen Bundesregierung zu kritisieren, bei ihren Pressekonferenzen während des Corona-Ausnahmezustandes nur vorgefertigte Tabellen und Statistiken zu zeigen, anstatt die zugrundeliegenden Daten für Forscher*innen und Medien zugänglich zu machen. Transparenz und Open Data können einerseits mögliche Angriffsflächen für Verschwörungstheoretiker*innen verkleinern, weil von vornherein offen mit Informationen und auch mit Wissenslücken umgegangen wird sowie Entscheidungen klar begründet werden. Andererseits kann dadurch das Vertrauen in die Handelnden (aus Politik und Wissenschaft) gestärkt werden. Wenn Verschwörungsmythen hingegen nur öffentlich brüsk geleugnet, zurückgewiesen oder gar lächerlich gemacht werden, so kann dies bei deren Anhänger*innen eher zu einer Radikalisierung bzw. zu einer Bestärkung führen (Imhoff/Lamberty 2017). Auch hier kann es ratsam sein, in öffentlichen Stellungnahmen zwar klar und deutlich gegen solche Mythen aufzutreten und mit Fakten und Daten dagegenzuhalten, ohne sich aber dabei herablassend zu äußern. So kann man auch der Verbreitung oder Verfestigung von Verschwörungsmythen entgegenwirken.

Einen wichtigen Ansatzpunkt bietet Politische Bildung. Diese ist stets herrschaftskritisch, subjektbezogen und zielt auf die Stärkung der Mündigkeit der Bürger*innen. Somit können wichtige Grundlagen für eine demokratische Gesellschaft und Öffentlichkeit gestärkt werden, wie etwa kritische Medien- und Urteilskompetenz. Dies kann mittel- bis langfristig dazu beitragen, Verschwörungsmythen die Grundlage zu entziehen. Das Demokratiezentrum Wien arbeitet im Rahmen des europäischen Projekts TEACH (Targeting Extremism and Conspiracy Theories) daran mit, konkrete Strategien und Materialien zu entwickeln, die Erwachsenenbildner*innen dabei unterstützen sollen, künftig auf die Dekonstruktion von Verschwörungsmythen und den dahinterstehenden Weltbildern hinzuwirken. Auf der Webseite finden sich weiterführende Informationen und erste Ergebnisse aus dem Projekt.

 

DIE AUTORINNEN

Kerstin Scheibenpflug BEd ist studentische Mitarbeiterin am Demokratiezentrum Wien. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Entwerfen von didaktischen Konzepten, des Weiteren ist sie in die Projekte Migration on Tour, DemokratieMOOC und TEACH involviert. Sie ist außerdem als Studienassistentin am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien, Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung, tätig.

Susanne Reitmair-Juárez MA ist Politikwissenschaftlerin und seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Demokratiezentrum Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen bei Migration, Citizenship und Partizipation, Politische Bildung und Verschwörungstheorien. Derzeit forscht sie unter anderem zu Verschwörungsideologien im Rahmen des europäischen Projekts TEACH (Targeting Extremism and Conspiracy Theories).