Demokratie braucht mehr Politische Bildung

Berliner Mauer CC by https://bit.ly/2ZVEBN1

Der vorliegende Beitrag erläutert die Funktion und Relevanz der Politischen Bildung für die Demokratiepraxis und unterstreicht dies mit aktuellen Forderungen zum Ausbau dieser Disziplin.

Die österreichische Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren von einer prinzipiell von Konsens geprägten Demokratie hin zu einer Konfliktgesellschaft entwickelt. Entsprechend haben Diskurs, Konflikt und erweiterte Teilhabe an Bedeutung gewonnen. Politische Bildung spielt dabei in Bezug auf die Entwicklung von Urteils- und Handlungskompetenzen der lernenden Bürger*innen eine wichtige Rolle. Politische Bildung übt neben der Förderung von Lernpotenzialen und der Weiterentwicklung von politischen Lehr- und Lernprozessen eine Vermittlungsfunktion aus: zwischen den Lernenden und gesellschaftlichen sowie politischen Themen und Ereignissen.

Vor dem Hintergrund, dass Jugendliche seit einem Jahr verstärkt auf die Straße gehen, von Politiker*innen rasche Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern und dabei mehr Aufmerksamkeit generieren als Klimakonferenzen, wird der Charakter einer Konfliktdemokratie unterstrichen. Antworten auf die Fragen und Anliegen der Jugendlichen, etwa mit Maßnahmen gegen den Klimawandel, sind dabei nicht einfach zu erhalten. Sehr wohl aber ist es möglich, Jugendliche mit jenen Werkzeugen zu versehen, die sie benötigen, um ihre Bedürfnisse an die Politiker*innen heranzubringen, zunächst aber überhaupt einmal zu erkennen, was ihre eigenen Bedürfnisse, Fragen und Werte sind.

Zivilgesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung fördern eine emanzipierte und selbstreflexive Bürger*innenschaft und kompensieren Distanzierung und Desinteresse gegenüber der Politik. Eine solche Distanz bedeutet immer auch ein Fehlen von Vertrauen in die politischen Instanzen, im schlimmeren Fall in das politische System an sich und ohne Vertrauen kann eine Demokratie wiederum nicht existieren.

Politische Bildung ist nichts Statisches

Politische Bildung kann die dafür benötigten Hintergründe liefern. Die Basis dafür bilden Wissen und Konfliktfähigkeit. Auch Werte spielen dabei eine wesentliche Rolle, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Schüler*innen Wahlmöglichkeiten haben.

Was als Politische Bildung in Österreich gelehrt wird, hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt, weg von einer Konzentration auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und davon ausgehend eine auf Konsens basierende Grundhaltung, hin zu Basiswissen, und seit einiger Zeit steht die Vermittlung von Methoden, um die Konfliktfähigkeit der jungen Bürger*innen zu fördern, im Vordergrund. Politische Bildung hat dabei immer ein ganz wesentliches Ziel: die Bemühung, Schüler*innen zu politisch mündigen jungen Menschen auszubilden. Vielfach wird dazu der Begriff des „Aktivbürgers“ gegenüber dem des ehemaligen Untertanen verwendet. Das bedeutet eine didaktisch konkrete und inhaltlich breite Verantwortung. Ein Schulfach, das sich dem widmet, gibt es allerdings nur in wenigen Schulformen und Schulstufen.

Conclusio: Politische Bildung weiterentwickeln

Mit dem Grundsatzerlass von 1978, in dem Politische Bildung zum Unterrichtsprinzip erklärt wurde, verloren sich die Inhalte je nach Interesse der Lehrenden in deren Verantwortungsbereich – ebenso wie neun weitere Unterrichtsprinzipien, die laut Umfragen recht wenig bekannt sind und daher auch zu wenig Beachtung finden. Zudem wird eine spezifische Ausbildung, sei es im Rahmen des Lehramtsstudiums oder als eigenes Masterstudium nur von wenigen Lehrenden absolviert.

Politik verschwindet jedoch nicht aus der Schule, wenn man keine Politische Bildung betreibt. Ganz im Gegenteil, wenn das Wissen um die Hintergründe fehlt, wird Politik zu etwas Abstraktem und erleichtert es jenen, deren Inhalte auf Emotionen und einfachen Botschaften basieren. Vor diesem Hintergrund brauchen Jugendliche Werkzeuge, um Politik nicht nur zu begreifen, sondern auch politisch partizipieren zu können. Sich Wissen über Institutionen und Rahmenbedingungen der Demokratie anzueignen, ist notwendig, es muss  jedoch  verknüpft werden mit ethischen Normen und Urteilsfähigkeit. In diesem Kontext geht es aktuell auch um die Frage der Widerstandskraft von Demokratien. Politische Bildung richtet sich dabei an das Individuum und die Gemeinschaft gleichermaßen. Dafür muss in einer zunehmend als Individualgesellschaft agierenden Umwelt ein Verständnis für gemeinschaftliches Handeln entwickelt werden. Das kann Politische Bildung potentiell vermitteln.

Grundsätzlich muss neben dem schulischen Bereich die Politische Bildung auch als wissenschaftliche Disziplin gestärkt werden. 2019 wurde aus diesem Anspruch heraus in der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft die Sektion Politikdidaktik gegründet , um Politische Bildung in Österreich weiterzuentwickeln.

Empfehlung: Forderungen nach der Verbesserung von Politischer Bildung an österreichischen Schulen

Die Interessengemeinschaft Politische Bildung hat ein Positionspapier zur Politischen Bildung entwickelt, das die genannten Aspekte aufgreift. Vor der Nationalratswahl 2019 wurden die verschiedenen kandidierenden Parteien nach ihrer Meinung zu entsprechenden Forderungen befragt. Ihre Antworten geben einen guten Überblick darüber, für wie wesentlich Politische Bildung von den politischen Akteuren gehalten wird.

Nachfolgend werden die Forderungen zusammengefasst:

  • Politische Bildung und Demokratiebildung sollte in allen Bildungseinrichtungen verpflichtend vorgesehen sein.
  • In den allgemeinbildenden Schulen muss im Kombinationsfach mit Geschichte der Status der Politischen Bildung aufgewertet werden. Um den Unterricht von Politischer Bildung von seinem Schattendasein zu befreien, ist unser Ziel die Einrichtung eines eigenständigen Unterrichtsfaches „Politische Bildung“ in allen Schulformen der Sekundarstufen.
  • Die fächerübergreifende Kooperation muss gestärkt werden. Die Umsetzung kann dabei je nach Schultyp unterschiedlich sein. Hier können auch die Spielräume der Schulautonomie genützt werden.
  • Das Lehrangebot der Universitäten und der Pädagogischen Hochschulen im Bereich der Politischen Bildung muss ausgebaut und erweitert werden.
Die Autorinnen:

Daniela Ingruber arbeitet als Demokratie- und Kriegsforscherin an der Donauuniversität Krems (Austrian Democracy Lab) mit den Schwerpunkten politische Philosophie und Demokratieverständnis, Politische Bildung (Vorstandsmitglied der IGPB), die Zukunft der Demokratie und Neue Medien. Zudem bereitet sie NGO-MitarbeiterInnen auf die Arbeit in Konfliktregionen vor und ist Beraterin von Filmprojekten sowie Filmfestivals.

 Lara Möller ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Universitätsassistentin im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Wien sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Demokratiezentrums Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen subjektorientierte politische Bildung, Demokratiebildung, Inklusion und Exklusion. Sie ist Gründerin der Sektion Politikdidaktik in der ÖGPW, Vorstandsmitglied der ÖGPW und Vorstandsmitglied der IGPB.

 

Quellen:

Berger/Breser, Politische Bildung als Unterrichtsprinzip im österreichischen Schulsystem. Fokus: Religionsunterricht aus politikdidaktischer Perspektive. ÖRF 27 (2019) 1, 73–88.

Hellmuth, Politische Bildung in Österreich, in Sander (Hrsg.), Handbuch politische Bildung. Reihe Politik und Bildung, Bd. 69 (2014) 541–551.

Reinhardt, Demokratie-Kompetenzen. Beiträge zur Demokratiepädagogik (2004).

Rosenberger/Stadlmair, Partizipation in Österreich, in Bertelsmann Stiftung, Staats­ministerium Baden-Württemberg (Hrsg), Partizipation im Wandel. Unsere Demokratie zwischen Wählen, Mitmachen und Entscheiden (2014) 454–488.

http://igpb.at/positionspapiere/

http://igpb.at/an-und-einsichten-politischer-parteien-zu-politischer-bildung/

https://www.oegpw.at/politikdidaktik