Die Replikationsstudie von Werner Patzelts: „Was und wie denken PEGIDA-Demonstranten?“

Pegida-Demonstration am 28.10.2017 Quelle: https://twitter.com/durchgezaehlt?lang=de Forschungsgruppe Durchgezählt

In seiner Studie „Was und wie denken PEGIDA-Demonstranten?“ (Patzelt 2015) unternimmt der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt den Versuch einzuschätzen,wie die Pegida-DemonstrantInnen Anfang 2015 politisch eingestellt waren. Dazu erhob er auf den Veranstaltungen mithilfe von Fragebögen Variablen zu den Einstellungen der TeilnehmerInnen in verschiedenen Bereichen wie Asylpolitik, Patriotismus und Europäismus sowie zu deren Wahrnehmung einer ausreichenden politischen Vertretung und einer angemessenen Berichterstattung der Medien über Pegida.

Ergebnisvergleich

Mithilfe einer Faktorenanalyse versucht Patzelt anhand der Daten die DemonstrantInnen in Typen einzuteilen und ihren jeweiligen Anteil einzuschätzen. Für ihn ist ein Drittel „rechtsnational-xenophob“, „unter zwei Drittel“ seien „besorgt gutwillig“ und rund zehn Prozent „empört gutwillig“.

In meiner Replikationsstudie konnte ich diese Typisierung so nicht wiederentdecken. Stattdessen gelang es mir, auf den Daten der Originalstudie basierend die DemonstrantInnen in (ebenfalls) drei Gruppen zu unterteilen, die sich allerdings in ihrer Charakteristik stark von Patzelts Resultat unterscheiden.
Geschätzt sind fast 23 Prozent „rechts-xenophob“, mit Eigenschaften, wie sie in der Originalstudie beschrieben werden. Diese Personen sehen sich selbst als äußerst patriotisch an, empfinden einen „friedlichen Islam“ Deutschland nicht zugehörig und zeigen sich abweisend gegenüber jeglichen „Asylbewerbern“.

Auf der Gegenseite stehen ungefähr 29 Prozent, die ihren Antworten nach als eher links-liberal einzustufen sind. Sie stehen der weiteren Aufnahme von „Bürgerkriegsflüchtlingen“ und „politisch verfolgten Asylbewerbern“ offen gegenüber und sind eher verhalten bei der Aussage, Deutschland nehme (allgemein) zu viele Asylbewerber auf. Für sie ist der Islam Teil Deutschlands.

Die größte Gruppe befindet sich im rechtskonservativen Milieu. Sie steht einer weiteren Aufnahme von „politisch verfolgten Asylbewerbern“ und „Bürgerkriegsflüchtlingen“ allgemein positiv gegenüber und betont dies im Besonderen durch die Ablehnung der Aussage: „Deutschland nimmt zu viele Bürgerkriegsflüchtlinge auf.“ Dem Statement bezogen auf „Asylbewerber“ im Allgemeinen stimmt sie hingegen zu. Auch bezeichnen sich die Personen dieser Gruppe eher als patriotisch und befinden, dass der Islam nicht Teil Deutschlands sei.

Allen Gruppen ist gemein, dass ihre Unzufriedenheit mit der Politik und der Medienberichterstattung sehr groß ist.

Bei der Analyse der Erhebung und Daten drängen sich zwei Fragen auf:
Zum einen ist es interessant zu sehen, wie Patzelt in seiner Befragung die Unterscheidung zwischen „Asylbewerbern“ allgemein und „Bürgerkriegsflüchtlingen“ zieht. Er scheint einen zentralen Unterschied darin zu sehen, ob Personen wegen eines militärischen Konflikts Schutz suchen oder weil sie aus wirtschaftlichen, religiösen oder politischen Gründen um ihre Existenz fürchten müssen, und vermengt dabei Flucht- und Asylgründe. Das Antwortverhalten der Pegidisten scheint ihm jedoch Recht zu geben.

Auf einer anderen Ebene stellt sich die Frage, warum Menschen, die sich selbst als politisch links betrachten, AsylbewerberInnen offen gegenüberstehen und den Islam als Teil Deutschlands bezeichnen, mit klar rechten, ausländerfeindlichen Personen gemeinsame Sache machen. Hierzu bedürfte es einer genaueren Analyse der Motive dieser Personengruppe.

Auch wenn meine eigene Ausarbeitung der Gruppen als methodisch korrekt angesehen werden darf, muss betont werden, dass alle Zahlen auf der Datengrundlage Patzelts beruhen, deren Gewinnung schon im ersten Blogbeitrag kritisiert wurde.
Zudem kann nicht ohne weiteres von Eigenangaben der Befragten auf tatsächliches Denken und von Einstellungen unmittelbar auf Handeln geschlossen werden, was Patzelt jedoch nicht zur Genüge differenziert. Auch die von mir gebildeten Gruppen können also nicht als repräsentative Zusammensetzung der Pegida-Bewegung 2015 betrachtet werden.

Methodenkritik

Die von Patzelt verwendete Faktorenanalyse eignet sich nicht, um eine Stichprobe in möglichst homogene Gruppen einzuteilen. Die Methode berechnet Faktoren im Sinne von Dimensionen, die aus verschiedenen zusammenhängenden Variablen gebildet werden. Die dabei entstehenden Variablenbündel werden als Indexvariable (oder Faktor) anhand ihrer gemeinsamen Eigenschaften als Dimension/Faktor interpretiert.

Was ich in meinem ersten Blogeintrag als „fragliche Interpretation der Ergebnisse“ beschrieben habe, zielt genau auf die Brücke zwischen statistischem Ergebnis und Folgerungen ab. In Patzelts Interpretation der Daten zeigt sich nämlich eine mutmaßliche Eigenmotivation der Untersuchung.

Patzelt interpretiert die Zusammenhänge der Variablen und Faktoren als Zustimmung oder Ablehnung der Personen zu diesen Faktoren und bildet daraus seine Gruppen. So wird die Gruppe der „empört Gutwilligen“ aus den Antworten zu einer weiteren Aufnahme von „Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern“, der „Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen“ speziell und einer Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland gebildet.
Die „besorgt Gutwilligen“ haben im Speziellen bei den Fragen zur öffentlichen Vertretung durch die Politik und den Medien hohe negative Werte.
Der Faktor, der von den Fragen nach Patriotismus, der allgemeinen Aufnahme von „Asylbewerbern“ und der politischen Selbsteinschätzung geprägt ist, bedeutet für Patzelt eine „rechtsnational-xenophobe“ Einstellung. Eigentlich findet er damit nur heraus, welche Indizes gebildet werden können, um die Position der DemonstrantInnen einschätzen zu können. Die Analyse der Einstellungen zu diesen drei Bereichen hätte auch Aufschluss über die Pegida-DemonstrantInnen geben können: Demnach zeichnet sich die Bewegung wie schon erwähnt durch eine hohe Unzufriedenheit mit der politischen Vertretung und der medialen Darstellung von Pegida, einer überwiegend negativen Einstellung zur Aufnahme von AsylbewerberInnen und einem deutlich rechts-konservativen Standpunkt aus.

Die Größeneinschätzung seiner Gruppen unternimmt Patzelt lediglich nach den Anteilen der Selbstbeschreibung des politischen Standpunkts. Zudem ist es fragwürdig, für die Gruppenbildung den Begriff „Gutwilligkeit“ zu verwenden, da sich ein gewisser Anteil zwar für die weitere Aufnahme an „Asylbewerbern“ ausspricht, in anderen Bereichen jedoch deutlich konservativer ist. Auch ist der Begriff als solcher viel zu vage und unspezifisch für eine wissenschaftliche Analyse.

Um eine Einteilung in Gruppen vornehmen zu können, ist eine Clusteranalyse geeigneter. Dabei werden die Gruppen durch eine Varianzminimierung in ihnen und eine Varianzmaximierung zwischen ihnen anhand ihres Antwortverhaltens gebildet. Daraus lassen sich schließlich unterschiedliche Typen herauslesen, wie oben gezeigt.

Fazit

Obwohl meine ergänzende Analyse zwar nicht widerlegt, dass auch einige eher „liberale Geister“ bei Pegida unterwegs sind, verweist sie doch auf die unsaubere Forschungsarbeit des Autors. Die Analyse der angewandten Methoden Patzelts betont die Wichtigkeit, Forschungsergebnisse nicht ungeprüft stehen zu lassen. Wie in meinem ersten Blogeintrag beschrieben, ist es dafür jedoch notwendig, als LeserIn über ausreichende statistische Kenntnisse zu verfügen, beziehungsweise innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft entsprechende Kontrollarbeiten zu fördern.

Der Einfachheit und Lesbarkeit wegen wurden die statistischen Begriffe und Beschreibungen vereinfacht dargelegt. Für die genaueren Angaben und Analyseschritte verweise ich auf die Bachelorarbeit: LINK

 

DER AUTOR

Paul Schuler absolvierte bis März 2019 ein Soziologiestudium an der Universität Leipzig. Dort war er Mitglied der Forschungsgruppe „Durchgezählt“, die mit wissenschaftlichen Methoden Schätzungen für Teilnehmerzahlen von Großveranstaltungen in Leipzig und Dresden, insbesondere zu den rechtsnationalen Bewegungen Pegida und Legida abgaben. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich im Zuge einer Replikation mit der statistischen Aufgliederung der Pegidabewegung nach politischem Standpunkt.
Von April bis Juni 2019 absolviert er ein Praktikum am Institut für Konfliktforschung Wien.
Er freut sich über Kritik und Anregungen an paulschuler@posteo.org