Das Vertrauensproblem der Wissenschaft und die Mündigkeit der Öffentlichkeit

Pegida-Demonstration am 28.10.2017 Quelle: https://twitter.com/durchgezaehlt?lang=de Forschungsgruppe Durchgezählt

In der akademischen Welt herrscht ein enormer Publikationsdruck für ProfessorInnen und angehendeWissenschaftlerInnen (Bartkowski 2018; von Lutterotti 2018; Mäder 2018). Eine gewisse Anzahl an Veröffentlichungen in angesehenen Journalen gilt als grundlegende Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Karriere.Um sich einen guten Namen zu machen, gibt es zwei Wege: die ordentliche, saubere Forschungsarbeit oder eine hohe Medienpräsenz, gespeist aus Forschungsopportunismus im Feld der auffälligsten Themen.
Durch die Anforderung, viel in kurzer Zeit zu veröffentlichen, wird das ordentliche Arbeiten besonders schwierig. Manche Forschungsfragen werden dadurch weniger attraktiv als andere, unabhängig von ihrer Relevanz. Dies erzeugt ein akademisches Spielfeld, auf dem Studien mit hohem Polarisierungscharakter, die in möglichst kurzer Zeit durchgeführt werden, gedeihen können. Der Hahn, der am frühesten und lautesten kräht, bekommt das Mikrofon.

„Glaube“ an die Beweiskraft von Studien

Nie konnten derart viele Widersprüche wissenschaftlich ‚bewiesen‘ werden wie heute. Im Besonderen aus der Psychologie stammt der Begriff der Replikationskrise“, der bedeutet, dass zwar viele statistisch hochsignifikante Ergebnisse erreicht werden können, deren tatsächliche Effekte aber zweifelhaft erscheinen. Es ist daher nachvollziehbar, wenn hieraus Unsicherheit entsteht.
Allgemein werden in den meisten Disziplinen quantitative, also statistisch erzielte Forschungsergebnisse als beweiskräftiger angesehen.

Gefahr der überstürzten Erkenntnisgier

Als Exempel möchte ich die Studie eines deutschen Politikwissenschaftlers nennen, mit der ich mich im Zuge meiner Bachelorabschlussarbeit näher beschäftigte. Die Studie (Patzelt 2015) untersucht die Zusammensetzung der deutschen rechtspopulistischen Bürgerbewegung PEGIDA anhand der Einstellungen ihrer TeilnehmerInnen im Jahr 2015. Neben forschungsmethodischen Mängeln sprechen auch die Erhebungsart und deren Umfang für eine nicht gänzlich valide Untersuchung des Forschungsgegenstands, was auch der Autor Werner Patzelt selbst einräumt.
Mithilfe von Papierfragebögen wurden die DemonstrantInnen von ProjektteilnehmerInnen zu ihren politischen Einstellungen befragt. Dabei wurden zum Beispiel, aus verständlichen Gründen, besonders bedrohliche Personen nicht angesprochen, oder diese gaben keine Antwort, was zu einer gewissen Verzerrung führte, gerade weil die Stichprobe nicht von allzu großem Umfang war und vorwiegend ungesteuert erhoben wurde. Eine von mir durchgeführte ausführliche Überprüfung bestärkte die Vermutung, dass sowohl die angewandte Methode zur Einordnung der DemonstrantInnen nach politischem Standpunkt nicht zulässig war als auch die Interpretation der Ergebnisse sehr fraglich schien. (Ein seperater Beitrag über die genaue Methodik der Überprüfung ist hier verlinkt)

Es zeigt sich hier deutlich das Zusammenspiel zwischen dem Versuch, gesellschaftliche Phänomene möglichst zeitnah erklären zu können, und den inneren Motivationen von WissenschaftlerInnen. Die deutsche mediale Aufmerksamkeit lag Anfang 2015 schwer auf der PEGIDA-Bewegung. Während es verständlich erscheint, aktuelle Tendenzen grob einschätzen zu wollen (was wiederum nicht die analytischen Mängel entschuldigt), muss auf die Effektwirkung solcher brisanter Ergebnisse geachtet werden. Einige BeobachterInnen und KollegInnen warfen Patzelt später vor, kein objektives Bild der rechtspopulistischen Bewegung geben zu wollen, sondern diese bewusst zu verharmlosen. Das Medienecho der Studie war groß, Teile der Resultate für die Öffentlichkeit allerdings schwer nachzuvollziehen, da die verwendeten Methoden vertiefende Statistikkenntnisse erfordern.

Wer wissenschaftlichen Forschungsergebnissen nicht blind Vertrauen schenken will, muss sie ausreichend nachvollziehen können. Doch das ist schwierig. Besonders in der Interpretation von statistischen Daten fehlt es sowohl vielen JournalistInnen als auch der Mehrheit der Bevölkerung an ausreichendem Wissen, was zum Beispiel durch zahlengestützte Erfolgsversprechen von der Kosmetikindustrie bewusst ausgenutzt werden kann.

Das frühere große Vertrauen in die Wissenschaft, zum Teil wohl auch zu naiv (man denke nur an die durch die Tabaklobby finanzierten Studien zu Ursachen von Lungenkrebs), schlägt heutzutage in eine gefährliche Wissenschaftsskepsis um. Dies ist beim Klimawandel offensichtlich, gilt jedoch genauso im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften.

Folgerungen

Die Konsequenz darf keineswegs das Verwerfen jeglicher wissenschaftlicher Belege und Erkenntnisse sein, sondern die Intervention in zwei Bereichen. Zum einen braucht es eine Stärkung der Mündigkeit der Öffentlichkeit. Für die Medien gilt dies im Erwerb fundierter Grundlagen beispielsweise in der Statistik. Die Bevölkerung muss speziell in ihrer Kritikfähigkeit gefördert werden, womit schon in der Schule ausführlich begonnen werden sollte. Hier sollte besonderes Augenmerk auf die Urteilsfähigkeit bezogen auf (wissenschaftliche) Publikationen gelegt werden. Wenn zum Beispiel im Mathematikunterricht Stochastik gelehrt wird und im selben Schuljahr Medien im Geschichts- oder Deutschunterricht behandelt werden, könnte es sehr bereichernd sein, fachübergreifend angewandte Statistik und ihre kritische Interpretation zu vereinen. Wissenschaftliche Publikationen kursieren nicht nur in akademischen Kreisen, sie durchsetzen alle Lebensbereiche. Ob das Krebsrisiko für RaucherInnen oder FleischliebhaberInnen, die Heilungschancen von Medikamenten, oder die Kriminalitätsrate verschiedener Nationalitäten – Forschungsergebnisse beeinflussen die öffentliche Wahrnehmung von Themen.

Zum anderen braucht es eine Intervention im Bereich der Wissenschaften selbst. Die Gesellschaft muss dafür Sorge tragen, dass auch solche Forschungsprojekte finanziell unterstützt werden, die nicht dem unmittelbaren Erkenntnisgewinn dienen. Replikations- und Reproduktionsarbeiten (mit anderer Datengrundlage), die bereits veröffentlichte Beiträge validieren und gegebenenfalls korrigieren, sind von grundlegender Wichtigkeit. Gleichzeitig muss unter den WissenschaftlerInnen die Wertschätzung für diese Art der Forschungsarbeit gewährleistet werden. Auch sollte vermehrt die Publikation nicht signifikanter Untersuchungsergebnisse gefördert werden, da die statistische Signifikanz nichts über die Relevanz und Qualität von Forschungsergebnissen aussagt.

Es ist zudem denkbar, Studien zu veröffentlichen, die zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen, um ein vollständiges Bild wissenschaftlicher Tätigkeiten zu bieten. Diese können auch ohne zentralen Erkenntnisgewinn durch die Vorgehensweise oder ihren Grundgedanken wichtige Denkanstöße für KollegInnen bieten. Gerade mit der ‚Open Source‘- Veröffentlichungsstrategie entwickelt sich eine geeignete Plattform, die anderen Maßstäben als denen der renommierten Journale verpflichtet ist.

Zwangsläufig heißt all dies, die Wissenschaft wieder stärker zum Handwerk zu machen und nicht zur Kür einiger weniger Stars in der akademischen Manege. Dies bedarf jedoch auch des Umdenkens erfolgreicher VertreterInnen des akademischen Standes.

 

DER AUTOR

Paul Schuler absolvierte bis März 2019 ein Soziologiestudium an der Universität Leipzig. Dort war er Mitglied der Forschungsgruppe „Durchgezählt“, die mit wissenschaftlichen Methoden Schätzungen für Teilnehmerzahlen von Großveranstaltungen in Leipzig und Dresden, insbesondere zu den rechtsnationalen Bewegungen Pegida und Legida abgaben. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich im Zuge einer Replikation mit der statistischen Aufgliederung der Pegidabewegung nach politischem Standpunkt.
Von April bis Juni 2019 absolviert er ein Praktikum am Institut für Konfliktforschung Wien.
Er freut sich über Kritik und Anregungen an paulschuler@posteo.org

 

NACHWEISE

Bartkowski, Bartosz. Publikationsdruck und die Qualität der Forschung. https://skeptischeoekonomie.wordpress.com/2018/06/10/publikationsdruck-und-die-qualitaet-der-forschung/ (Zugegriffen: 07. Mai. 2019). Stand Juni 2018.

Mäder, Alexander. Hauptsache publiziert. https://www.spektrum.de/kolumne/hauptsache-publiziert/1579934 (Zugegriffen: 07. Mai 2019). Stand: Juli 2018.

Patzelt, Werner J. Was und wie denken Pegida-Demonstranten. https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/polsys/forschung/projekte/pegida/studie1-januar2015#section-2 (Zugegriffen: September 2018). Stand: Februar 2015.

von Lutterotti, Nicola. Wissenschaftler unter Druck. https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/junge-wissenschaftler-stehen-unter-starkem-publikationsdruck-15664959.html (Zugegriffen: 07. Mai 2019). Stand: Juli 2018.