Sprache(n) als Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt

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Auf bildungspolitischer Ebene wird verkürzt der Erwerb der Bildungs- und Unterrichtssprache Deutsch als die umfassende Lösung für eine Vielzahl von differenzierten und komplexen Problemstellungen in Österreichs Schulen dargestellt. Das Schulnetzwerk voXmi bietet eine wichtige Erweiterung dieser Perspektive.

 

Bildungssprache oder Bildungssprachen?

Die deutsche Sprache ist nicht nur die Sprache eines wirtschaftlichen Erfolgsmodells, sondern auch die Sprache von Philosophen und Philosophinnen, die das Nachdenken über unsere Welt nachhaltig prägten. Wenn man die Diskussion darüber, was unsere Welt trägt und bewegt, ergänzend etwa auf Russisch, Hindi oder Somali führt, so wird man die Perspektiven allerdings deutlich erweitern und bereichern.

Weltweit bilden einsprachige Menschen die Minderheit. Laut Statistik Austria 2001  ist ca. ein Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mit mehr als einer Familiensprache aufgewachsen. In Wiener Klassenzimmern spricht heute (2018) jedes zweite Kind im Alltag mehr als eine Sprache. Österreichweit ist es wohl jedes fünfte Kind. Jede(r) fünfte Lehramtsstudierende an der Pädagogischen Hochschule Wien ist mehrsprachig aufgewachsen. Die sprachliche Vielfalt wird zwar in den Lehrplänen als wertvolle Ressource erwähnt und bildet sich in den hochschulischen Curricula auch in beschränktem Maß ab, wozu ein kooperatives Forschungsprojekt der Pädagogischen Hochschulen Oberösterreich, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und des Bundeszentrums für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit (BIMM) einen aktuellen Überblick liefert. In der Ausbildung von zukünftigen Lehrkräften wird Mehrsprachigkeit jedoch primär als Herausforderung gesehen.

Mehrsprachigkeit als gesamtgesellschaftliche Chance

Der Europarat, welcher den Schutz der Menschenrechte und eine Angleichung der Erziehungs- und Bildungspolitik zu seinen Schwerpunktaufgaben zählt, setzt auf den Sprachenreichtum und sieht darin einen Schlüssel für Verständigung und Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union. Das Europäische Fremdsprachenzentrum des Europarates mit Sitz in Österreich (Graz) ist maßgeblich mit der Durchführung von Projekten in diesem Bereich und der Erstellung von didaktischen Konzepten und Materialien befasst. In fachlich relevanten Kreisen gilt Mehrsprachigkeit als Schatz, den es zu fördern gilt. Ein weiteres Argument für einen ressourcenorientierten Blick auf Sprachenvielfalt liefert die Arbeitswelt. Die Wirtschaft ist weltweit vernetzt und angewiesen auf Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen. Ähnliches lässt sich für den medizinischen Bereich sagen, wo mehrsprachige Fach- und Pflegekräfte vermehrt tätig und nötig sind. Es erscheint in diesem Zusammenhang als paradox, die in den Klassenzimmern vorhandenen sprachlichen „Schätze“ nicht als solche zu erkennen und zu fördern. Stattdessen beherrscht die Einrichtung von Deutschförderklassen den Diskurs. Die vielen Familiensprachen der Österreicherinnen und Österreicher mit Migrationsgeschichte erhalten nur wenig Beachtung bzw. werden als „Problem“ erfahren.

Die Staats- und Bildungssprache Deutsch und die Mehrsprachigkeit der Gesellschaft im bildungspolitischen und schulischen Kontext gemeinsam zu denken, ist ein Paradigmenwechsel, der unsere Gesellschaft in der Folge klüger und fitter für die Herausforderungen der Zukunft machen könnte.

voXmi-Schulen: In kleinen Schritten zu großen Zielen

Allen Sprachen wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen, kann einen wesentlichen Beitrag leisten, eine von Diversität geprägte Gesellschaft zu einen, Partizipation zu ermöglichen und Gewalt vorzubeugen. Auf Grundlage dieser These stärken etwa 50 Schulen aller Schultypen in ganz Österreich vielschichtig die Mehrsprachigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler. Seit nunmehr genau zehn Jahren existiert das Schulnetzwerk voXmi. Schulentwicklung zur Stärkung von Mehrsprachigkeit zu unterstützen, bedeutet, die Sprachenvielfalt sichtbar zu machen und als Schatz anzuerkennen sowie Lehrpersonen zu diesem Thema zu sensibilisieren und zu professionalisieren.

voXmi-Schulen tragen auf diese Weise zur Vision bei, ein „Europa der sprachlichen und kulturellen Vielfalt“ zu gestalten, „das auf Qualität in der Sprachenbildung setzt und somit Menschen in Europa darin bestärkt, sich für den interkulturellen Dialog, für die demokratische Mitwirkung und für den sozialen Zusammenhalt zu engagieren.“ (Council of Europe, 1994-2018) Eine Vision, die durchaus Potenzial hat, weltumfassend zu sein.

Empfehlungen

  • Das Entwickeln und Fördern eines Narrativs zu Mehrsprachigkeit als Chance für alle gesellschaftlichen Bereiche ist ein Beitrag zu den 21st Century Learning Skills und somit zu Partizipation sowie zur Gestaltung eines erfüllten Lebens für alle.
  • Die Sprachenvielfalt der Gesellschaft als verbindendes Merkmal zu erkennen und zu fördern, unterstützt die Bildung eines Gefühls der Zugehörigkeit und schafft Bereitschaft für Verantwortungsübernahme und Solidarität.
  • Schulische Netzwerke wie voXmi sind bildungspolitisch als zentrale Ressource zu sehen. Sie sind als solche wertzuschätzen und zu unterstützen, um in einem Setting des von- und miteinander Lernens Zugänge für einen Unterricht im Sinne des Zusammenhalts, der Partizipation und der Gewaltfreiheit unserer Gesellschaft zu entwickeln.

 

Die Autorin

Mag.a Ursula Maurič MA (geb. 1969) forscht und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Wien zu den Themenbereichen Mehrsprachigkeit, Diversität und Global Citizenship Education. Sie ist Bundeslandkoordinatorin für Wien im Schulnetzwerk voXmi und Mitherausgeberin des Sammelbandes Mehrsprachigkeit im Fokus – Sprachenprofile der Pädagogischen Hochschulen, welcher im Frühjahr 2019 erscheint.