Palmöl und die imperiale Lebensweise

Ob in Keksen, Duschgel oder Zahnpasta – Palmöl begleitet uns von morgens bis abends durch den Alltag. Warum sich die Produktionsbedingungen von Palmöl trotz wachsender Kritik an den verheerenden sozialen und ökologischen Folgen der Produktion kaum ändern und Palmöl nicht durch andere, regional und nachhaltig produzierte Pflanzenöle ersetzt wird, lässt sich mit dem Begriff der imperialen Lebensweise analysieren. 

Der Begriff imperiale Lebensweise

Nur wenige Konzepte haben in den vergangenen Jahren eine ähnlich lebhafte wissenschaftliche und öffentliche Diskussion ausgelöst wie der Begriff der imperialen Lebensweise von Ulrich Brand und Markus Wissen (2017). Der Kerngedanke des Begriffs ist, dass die alltäglichen Lebensverhältnisse und Gewohnheiten in den reichen Ländern des Globalen Norden (und zunehmenden auch der Ober- und Mittelklassen in den Schwellenländern) durch einen nicht-nachhaltigen Zugriff auf Ressourcen, billige Arbeitskräfte und natürliche Senken (d.h. Ökosysteme wie z.B. Regenwälder, die CO2 absorbieren) andernorts ermöglicht wird. Der Einzug von Smartphones in den Alltag vieler Menschen oder das billige T-Shirt bei Modeketten etwa wären ohne den Zugriff auf Koltanminen im Kongo oder das Arbeitsvermögen von Arbeiterinnen in Sweatshops in Bangladesh undenkbar.

Der Begriff der imperialen Lebensweise verdeutlicht zugleich, dass dieser ‚imperiale‘, nicht-nachhaltige Zugriff nicht in erster Linie ein Problem individueller Konsumentscheidungen ist, die sich von heute auf morgen ‚bewusst‘ verändern lassen. Er ist vielmehr gesellschaftlich tief eingeschrieben: in langfristig angelegter Infrastruktur, kollektiven Routinen, biographisch fest verankerten Subjektivierungen, erprobten Produktionsverfahren und politischen Strukturen. Der nicht-nachhaltige, imperiale Zugriff auf Ressourcen, Senken und Arbeitsvermögen andernorts und die Externalisierung sozialer und ökologischer Folgen werden also täglich ganz praktisch, aber meist unbewusst gelebt. Die damit verbundenen Praktiken vermitteln Stabilität und Normalität, was ihre Infragestellung im Rahmen einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation erschwert.

Die Kritik am Begriff der imperialen Lebensweise

Der Begriff der imperialen Lebensweise wird intensiv rezipiert, aber auch kontrovers diskutiert. So hat Thomas Sablowski (2018) gegen den Begriff eingewandt, dass er eine einheitliche Lebensweise aller Menschen in den reichen Ländern unterstellt, obwohl verschiedene Lebensweisen tatsächlich hochgradig milieu- und klassenspezifisch sind. Ähnlich hat auch Klaus Dörre (2018) das im Begriff angelegte „vereinnahmende ‚Wir‘“ kritisiert, welches nicht zwischen Klassen, Geschlechterhierarchien und ethnischen Spaltungen differenziert (s. auch Hürtgen 2018). Letztlich, so zwei weitere Hauptpunkte der Kritik, führe der Begriff der imperialen Lebensweise zu einer Überbetonung von Konsum- gegenüber Produktionsmustern (Sablowski 2018) und sage wenig über die spezifische Funktionsweise und konkreten Prozesse jener imperialen bzw. ‚imperialistischen‘ Mechanismen aus, welche den Zugriff auf Ressourcen, Senken und Arbeitsvermögen im Globalen Süden gewährleisten (Muggenthaler 2018). Diese Kritikpunkte sind gewichtig, aber auch Ausdruck dessen, dass die analytische Reichweite und der Gebrauchswert des Konzepts bislang noch wenig in der empirischen Forschung erprobt wurden. Einige seiner Stärken lassen sich am Beispiel Palmöl verdeutlichen.

Vom Begriff zur Forschungsheuristik – das Beispiel Palmöl

Palmöl stieg in den vergangenen 20 Jahren zum wichtigsten Pflanzenöl weltweit auf, obwohl seine Herstellung in den Produktionsländern mit massiven negativen sozialen und ökologischen Folgen verbunden ist. Dazu zählen insbesondere die Abholzung tropischer Regenwälder und die CO2-intensive Trockenlegung von Torfmoorgebieten. Als Folge dieses Booms befindet sich Palmöl heute schätzungsweise in mindestens 50 Prozent aller Supermarktprodukte in Österreich – insbesondere in Produkten des täglichen Gebrauchs wie Zahnpasta oder Schokolade, deren Konsum relativ einkommensunabhängig und insofern klassenübergreifend ist. Palmöl ist also fester Bestandteil der Lebensweise breiter Bevölkerungsteile, auch in Schwellenländern wie Indien oder China. Doch trotz der aktuell wachsenden Politisierung in Europa wird Palmöl kaum durch andere Pflanzenöle wie Raps- oder Sonnenblumenöl ersetzt, die ebenfalls hohe Hektarertragsraten aufweisen und regional unter nachhaltigen Bedingungen produziert werden können.

Der Begriff der imperialen Lebensweise ermöglicht es, diese ‚Nachhaltigkeit der Nicht-Nachhaltigkeit‘ (Blühdorn 2018) im Bereich von Pflanzenölen zu verstehen und zu analysieren. Er rückt in den Blick, warum der Einsatz von Palmöl so attraktiv ist. Denn neben besonderen biochemischen Eigenschaften von Palmöl erlaubt dessen Verwendung, Produkte des täglichen Konsums durch den Zugriff auf Landflächen und auf billige Arbeitskräfte in Ländern wie Indonesien, Malaysia oder Kolumbien aufgrund des vergleichsweise niedrigen Palmölpreises billig herzustellen. Damit wirft der Begriff der imperialen Lebensweise auch die Frage auf, wie dieser Zugriff über ein komplexes Geflecht von Akteuren und Strukturen entlang der Produktionsketten und -netzwerke von Palmöl organisiert und abgesichert wird – durch Lebensmittelkonzerne wie Nestlé und Unilever, Palmölkonzerne in Indonesien, Malaysia und Singapur, internationale Investoren, Handelsabkommen zwischen der EU und den Produktionsländern oder Konzessionsvergaben für Plantageflächen durch nationale und lokale Eliten.

Schlussfolgerung

Das Beispiel Palmöl verdeutlicht, wie tief der nicht-nachhaltige, imperiale Zugriff auf Ressourcen, Senken und Arbeitsvermögen andernorts in die Lebensweise breiter Bevölkerungsteile im Globalen Norden und Teilen der Schwellenländer eingelassen ist. Es zeigt aber auch, dass dieser Zugriff insbesondere über Machtverhältnisse in den transnationalen Netzwerken der Produktion von Palmöl und palmölhaltiger Produkte gewährleistet und reproduziert wird. Die wichtigsten politischen Ansatzpunkte in Österreich liegen dementsprechend auch auf der Produktionsseite.

Politische Empfehlungen

  • Bildungsmaßnahmen und öffentliche Debatten, in denen die Probleme aufgezeigt und Handlungsalternativen formuliert werden
  • Anreize und Vorgaben für die partielle Substitution von Palmöl in der Herstellung von pflanzenölhaltigen Produkten (Nahrungsmittel, Kosmetika) in Österreich und der EU
  • Förderung des biologischen Anbaus alternativer Pflanzenöle in Österreich und der EU
  • Beschränkung des Imports von nicht-nachhaltig produziertem Palmöl auf EU-Ebene
  • Verbot von Agrartreibstoffe im Verkehrssektor
  • Verbot des Einsatzes von Palmöl in der Energiegewinnung (z.B. Blockheizkraftwerke)

Literatur:

 

Über die Authorin

Alina Brad ist Senior Scientist am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sie forscht zu internationaler Umwelt- und Ressourcenpolitik und sozial-ökologischer Transformation. Etienne Schneider ist Universitätsassistent (prae-doc) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Redakteur der Zeitschrift PROKLA. Seine Forschungsschwerpunkte sind Internationale Politische Ökonomie und Europäische Wirtschaftsintegration.