Inklusive Bildung für eine demokratische Gesellschaft

Bild: pixabay user Sprachschuleaktiv, CC0.

Demokratie benötigt Bürger_innen, die über Urteilsvermögen und Handlungskompetenzen in Bezug auf  Gesellschaft und Politik verfügen. Besonders für junge Menschen spielt Bildung dabei eine wichtige Rolle, denn sie beeinflusst ihre Rolle in der Gesellschaft grundlegend. Bildung, die junge Personen unabhängig von deren Staatsbürger_innenschaft und Herkunft fördert, ist ein wichtiger Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft. Das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt PREDIS trägt zu diesem Ziel bei und wird in diesem Beitrag näher vorgestellt.

Soziale Selektion im Bildungsbereich als Demokratiedefizit

Bildung befähigt Menschen ihre eigenen Stärken entfalten, selbstständig denken, urteilen und handeln zu können. In der Praxis zeigt sich jedoch oft, dass Bildung nicht für alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen zugänglich ist. Durch Benachteiligung im Bildungsbereich werden Personen mit Migrationshintergrund häufig nicht ausreichend bei ihrer gesellschaftlichen Partizipation unterstützt, was sich auf das Ausmaß der demokratischen Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen auswirkt.

Die Zielsetzung von PREDIS (Prevention of Early Dropout of VET Through Inclusive Strategies of Migrants and Roma) liegt darin, einen vorzeitigen Ausbildungsabbruch von Berufsschüler_innen mit Migrations- und Roma/Romnija-Hintergrund zu verhindern. Diese Zielgruppe ist unter Anderem aufgrund von Diskriminierung besonders von drei Faktoren betroffen: es ist deutlich schwerer für sie, zunächst einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Auch nachdem sie diesen erhalten haben, gibt es eine erhöhte Abbruchswahrscheinlichkeit. In späterer Folge haben sie grundsätzlich ein größeres Risiko arbeitslos zu werden (Steiner, 2015).

Diese Situation wirkt sich auf den sozialen Status, die gesellschaftliche Identität und die Teilhabemöglichkeiten junger Menschen aus.

Prävention und Subjektorientierung

Der Strategische Rahmen für die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Bildung hat die Zielsetzung, die Rate des Ausbildungsabbruchs bis 2020 auf unter 10 Prozent zu senken. Viele vorhandene Maßnahmen setzen erst nach einem Ausbildungsabbruch an, zielführend ist jedoch ein präventiver Ansatz.

Ein vorzeitiger Ausbildungsabbruch hat individuelle und strukturelle Ursachen, deshalb sind entsprechend flächendeckende Angebote und niederschwellige Unterstützung wichtig. Diese sollten direkt bei Betroffenen präventiv, also noch vor einem möglichen Abbruch ansetzten und hierbei auf Stärken und bereits vorhandenes Potenzial eingehen. Es benötigt also Prävention und eine subjektorientierte (also an den betroffenen Personen orientierte) Vorgehensweise, wodurch unterschiedliche Ebenen und Akteur_innen zusammenarbeiten. Dies kann in Form von Unterstützung, Beratung, alternativen Ausbildungsformen und Wiedereinstiegsmöglichkeiten erfolgen.

Umfangreiche Strategien für eine vielschichtige Thematik

Um den vielschichtigen Ursachen zu begegnen, führt das Projekt Multiplikator_innentreffen durch, die einen Austausch unterschiedlicher Akteur_innen der Berufsbildung und die Anwendung der PREDIS-Materialien auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene ermöglichen. Beteiligt sind unter anderem Entscheidungsträger_innen im Berufsbildungsbereich, Leiter_innen von beruflichen Weiterbildungseinrichtungen und Pädagog_innen. Sie tauschen sich zur vorliegenden Thematik aus und erarbeiten gemeinsam Lösungsansätze.

Das Projektteam führte zudem eine Bedarfsanalyse durch. Neben einer Literaturanalyse wurden Berufsschüler_innen mit Migrations- oder Roma/Romnija-Hintergrund, Berufsbildungspersonal und Expert_innen interviewt um bestehende Herausforderungen und zugrunde liegende Ursachen für die erhöhten Abbruchraten sowie Verbesserungsmöglichkeiten zu definieren.

Anhand der Ergebnisse der durchgeführten Analysen wurde ein umfangreiches Toolkit erstellt, das inhaltliche Module zu den Themenbereichen Inklusion, Empowermentstrategien, Konfliktlösungsstrategien, Reflexion von eigenen Stereotypen und pädagogisches Handlungswissen, Hintergrundwissen über strukturelle Rahmenbedingungen von Betroffenen, Arbeitsmarktintegration, und verbesserter Übergang in Ausbildung umfasst.

Im Anschluss wurde ein neunmonatiger Blended-Learning-Kurs entwickelt, der den Teilnehmer_innen die Möglichkeit gibt, die entwickelten Inhalte direkt in ihrer Arbeit mit Berufsschüler_innen anzuwenden und Rückmeldung zu den Inhalten zu geben.

Die Ergebnisse und Materialien des Toolkits und des Blended-Learning-Kurses werden gemeinsam mit dem fertigen Handbuch ab September 2018 auf der PREDIS-Website zur Verfügung stehen.

Empfehlungen

Eine Demokratie lebt von ihren Bürger_innen: dies erfordert einige Rahmenbedingungen. Um Ausbildungsabbruch zu verhindern müssen deshalb gewisse präventive Voraussetzungen geschaffen werden:

  • Maßnahmen müssen niederschwellig wie übergreifend, lokal wie national ansetzen.
    Sie sollten auf die spezifischen Bedingungen sowie den Bedarf der von Ausbildungsabbruch Betroffenen abzielen.
    Dies erfordert auch den weiteren Ausbau von Bildungs- und Berufsberatung in Schulen.
  • Die Stärkung von Mehrsprachigkeit im Bildungssystem und die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen sind relevant, um so auch die Stärken der Lernenden zu berücksichtigen.
    Damit verbunden ist auch die Förderung von Role Models für die Zielgruppe wichtig.
  • Schließlich ist die kritische Auseinandersetzung mit Diskriminierung in Schulen und Betrieben erforderlich.
Quellen:
  1. PREDIS Project Consortium (2017): Needs Analysis Report.
  2. Steiner, Mario (2015): Integrationschancen durch die Lehre? Benachteiligte Jugendliche am Lehrstellenmarkt. Studie im Auftrag des AMS Wien (Projekt „Perspektiven für unentdeckte Talente“ unter der Leitung von Doris Landauer).
DIE AUTORIN

Lara Möller BA MA (geb. 1991) ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Universitätsassistentin im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Wien sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Demokratiezentrums Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Bürger_innenbewusstsein, subjektorientierte politische Bildung, Demokratiebildung, Rechtsextremismus, Rassismus, historisch-politische Bildung