Vom Wert der Wertedebatte

Renee Magritte „Die persönlichen Werte“ – Bildunterschrift: Welchen Wert wir verschiedenen Aspekten im Leben beimessen ist eine zutiefst persönliche und damit individuelle Frage. Bild: flickr-user Allie_Caulfield, CC BY 2.0.

Der Ruf nach einer (Rück-)Besinnung auf Werte ist allgegenwärtig. Darüber, dass wir mehr Werte brauchen, scheint Einigkeit zu herrschen. Und während sich die Frage aufdrängt, welche Werte das sein sollen, lohnt es sich hier inne zu halten und diese Forderung an sich genauer zu betrachten.

In einem Seminar habe ich Studierende gebeten, drei Werte aufzuschreiben. Die Antworten reichten von französischer Revolution  – Freiheit und Gleichheit –  bis hin zu Alltäglichem wie Freundlichkeit. Obwohl keineswegs repräsentativ wird klar, dass unter dem Schlagwort der Werte ganz unterschiedliche  Dinge in einem Topf landen. Während der Gleichheitsgrundsatz Basis der liberaldemokratischen Rechtsstaatlichkeit ist, ist Freundlichkeit zwar sicherlich sozial erwünscht, aber wohl kaum allgemein einforderbar.

Das diese Vermengung keineswegs an einem mangelndem Verständnis der Studierenden liegt, zeigt sich etwa in der für nach Österreich zugewanderte Menschen erdachten „Rot-Weiß-Rot -Fibel“. Hier wird Föderalismus zum Prinzip der „österreichischen Werteordnung“, aus dem die Werte „Vielfalt“, „Leistung“ und „Eigenverantwortlichkeit“ abgeleitet werden. Aus einem politischen Organisationsprinzip, geht ein Zustand, eine Tätigkeit und eine Einstellung hervor. Hier wird bereits eine erste grundlegende Problematik der „Wertedebatte“ deutlich: die konfuse Vermischung von völlig unterschiedlichen Kategorien.

Vage Worthülsen

Eine zweite Problematik besteht in der Unbestimmtheit der vielen verschiedenen Konzepte, die Werte genannt werden. Das lässt sich an zahlreichen Beispielen zeigen, etwa am Begriff der Solidarität, der in der Rede von Werten immer wieder aufgebracht wird. Wie Monika Mokre in einem Buch zum Thema herausarbeitet, haben christliche Solidarität (der gute Samariter), nationale Solidarität (für das Vaterland) und marxistische Solidarität (mit der internationalen Arbeiterinnenbewegung) grundlegend unterschiedliche Absichten. Spezifiziert werden solche „Werthülsen“ aber nicht.

Es ist Teil der politischen Erfolgsgeschichte der „Wertedebatte“, dass sie Raum für Projektion lässt. Michael Mary schreibt in diesem Sinne: „Werte fungieren als Gemeinsamkeitsunterstellungen. Das heißt, Werte sind für die Kommunikation gedacht und eben nicht für Handlungen. Sie sind zwar in aller Munde, aber auf der Handlungsebene wird man vergeblich nach verlässlichen Werten und durch sie vermittelte Orientierung suchen.“

Die Verbindlichkeit „unserer Werte“

Die Handlungsebene verdeutlicht eine dritte Problematik: Die behauptete Verbindlichkeit gemeinsamer Werte. Entgegen gern getätigter gegenteiliger Aussagen stehen in einer Demokratie Werte sehr wohl zur Debatte. Sogar die Demokratie selbst steht bekanntlich zur Disposition und kann ihr eigenes Ende beschließen. Dennoch, nicht alles steht ständig zur Diskussion. Manche Wertevorstellungen werden normiert und in Gesetzen festgehalten. So entsteht ein verbindliches Regelwerk, Verstöße dagegen werden vor Gerichten geahndet. Dann sprechen wir von Normen (auch wenn nicht alle Normen aus Werten entstehen), die verbindliche Handlungsanweisungen für alle sind. Deshalb spricht der Philosoph Herbert Schnädelbach auch davon, dass wir in Normengemeinschaften, keineswegs in Wertegemeinschaften leben.

Ein oft genannter Wert ist etwa die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen. Das mag eine Ansicht sein, die viele Menschen in Österreich teilen. Vor allem ist diese Gleichwertigkeit aber Grundlage unserer Rechtsordnung, gesetzlich festgelegt und durch viele Institutionen beschützt. Auf einen Wertekonsens würde ich mich hier nicht gerne verlassen.

Zielgruppe: die Anderen

Die größte Problematik, die ich in der Debatte um gemeinsame Werte sehe, wird deutlich, wenn man danach fragt, wer für wen Werte einfordert. Die wenigsten, die nach Werten rufen, wollen eine allgemeine Wertedebatte führen. Werte werden vor allem im Kontext von Migration zum Thema. Selten geht es etwa darum, Geschlechterverhältnisse für die Gesamtbevölkerung zu besprechen. Die Zielgruppe mit Nachholbedarf in Sachen Werten wird unter Migrierten und Geflohenen ausgemacht. Wer die Staatsbürgerschaft will, muss nun Wertefragen beantworten und AsylwerberInnen  werden in Wertekurse gesetzt. Gleichzeitig bleibt vage, was diese Werte sein sollen (Ein Kommentar in der Zeitung „Die Zeit“ bezeichnete die schon genannte Rot-weiß-rot Fibel etwa als „Kanon heißer Luft“).

Zweifellos ist es ratsam, Menschen, die neu zu einer Gemeinschaft kommen, über die geltenden Regeln zu informieren. Werte sind aber eben keine Regeln. So wird die Wertedebatte im Kontext von Integrationsfragen zu einer Form des Otherings. Wir, die selbstverständlich Werte teilen, werden geeint gegenüber den anderen, die dies (noch) nicht tun. Dass damit Grenzziehungen passieren, die Inklusionsprozesse nachhaltig behindern, ist eindeutig und trägt zum Wahlerfolg jener bei, die ihre politischen Vorstellungen auf der Exklusion oder Marginalisierung von Menschengruppen begründen.

Wenn Wertedebatten also konzeptionell konfus, in sich vage, eigentlich unverbindlich sind und zumeist genutzt werden um Menschen auszuschließen, sind mehr Werte eher eine Drohung als der Weg, um eine möglichst gute Zukunft für möglichst viele Menschen zu gestalten.

DIE AUTORIN

MMag.a Dr.in Astrid Mattes, geb. 1988, ist Migrationsforscherin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als Politik- und Religionswissenschaftlerin war sie zuvor am Institut für Politikwissenschaft und an der interdisziplinären Forschungsplattform „Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien beschäftigt. Sie forscht zu Diversität in liberalen Demokratien, Migrations- und Integrationspolitik und Islam in Europa.