Urban Labs als neue Impulsgeber einer integrativen Stadtentwicklung

Das transdisziplinäre JPI Urban Europe Projekt „URB@Exp“ veröffentlichte Leitlinien und einen „LAB kit“ für die Etablierung von Urban Labs (Bild: URB@Exp)

Um den komplexen und vielfältigen Herausforderungen städtischer Entwicklung angemessen zu begegnen, braucht es integrative und wertbasierte Lösungsansätze. Derzeit erleben „Urban Labs“ als neue Form der städtischen Verwaltung und BürgerInnenbeteiligung einen Aufschwung in Europa. Da EntscheidungsträgerInnen und PraktikerInnen bei der Initiierung und Etablierung solch innovativer Governance-Ansätze mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert sind, ist ein umfassender Erfahrungs- und Wissensaustausch erforderlich, um diese Initiativen bestmöglich zu unterstützen.

Neue Formen der städtischen Verwaltung und BürgerInnenbeteiligung

Europas Städte stehen vor umfassenden sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Der Umgang mit diesen komplexen Veränderungsprozessen erfordert neue Herangehensweisen der städtischen Entwicklung und Verwaltung, welche die Erfahrungen, Bedürfnisse, Ideen und Sichtweisen der lokalen Bevölkerung miteinbeziehen. In den letzten Jahren etablierten sich „Urban Labs“ (Living Labs und Stadtlabore) als erfolgsversprechende Methode der integrativen Stadtentwicklung. Dabei kooperieren Kommunalverwaltungen mit anderen städtischen AkteurInnen, um das intellektuelle, kreative und soziale Potential der Menschen einer Stadt in gemeinsamen Lernprozessen zur Ko-Kreation und Erprobung innovativer Lösungsansätze auszuschöpfen.

Lernen als Schlüsselfaktor einer integrativen Stadtentwicklung

Diese „Öffnung“ des politisch-administrativen Systems spiegelt die allgemeine Entwicklung von einer traditionellen, einseitigen und autoritären Steuerung der Gesellschaft durch hierarchische und institutionalisierte Regierungsformen („Government“) hin zu dialog- und lernbasierten Netzwerkstrukturen mit informellen Regelungsansätzen („Governance“) wider. Dieser Wandel des vorherrschenden Regierungsverständnisses ist eng verbunden mit dem Testen, Überprüfen und Anwenden neuer Verwaltungsabläufe durch Kooperation und Partizipation. Gesellschaftliches Lernen kann als zentrales Element interaktiver Verwaltungs- und Stadtentwicklungsstrukturen angesehen werden. Dies beinhaltet Reflexivität, Deliberation, das Anstoßen kollektiver Lernprozesse, sowie das partizipative Gestalten von transformativen Experimenten mit strategischen Lernzielen.

Inklusion und Kooperation fördern eine nachhaltige Entwicklung

Das Initiieren von gesellschaftlichen Lernprozessen im Kontext integrativer Stadtentwicklung erfordert das Berücksichtigen von sozio-ökonomischen Beziehungen und Machtverhältnissen zwischen den beteiligten AkteurInnen, sowie das aktive Einbeziehen von marginalisierten Gruppen. Das Vernachlässigen dieser Aspekte kann zu ungleichen Beteiligungsniveaus führen, wodurch einige an Macht gewinnen, während andere Einfluss verlieren. Urban Labs sind ein neuer Ansatz, welche das Potential besitzen, vielfältige AkteurInnen zusammenzubringen, um gemeinsame Lernprozesse zur Entwicklung nachhaltiger Lösungsansätze anzustoßen. Dabei wird den Beteiligten trotz unterschiedlicher sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hintergründe die Möglichkeit geboten, auf Augenhöhe zu kommunizieren, miteinander zu arbeiten und voneinander zu lernen.

Urban Labs als innovativer Governance-Ansatz

„Urban Lab“ ist ein Überbegriff, der vielfältige methodische und konzeptionelle Ansätze miteinschließt. Diese sehr heterogenen Zugänge verbindet ein inhaltlicher Schwerpunkt auf Experimentieren, Partizipation und Kooperation zur Entwicklung und Erprobung von nachhaltigen Innovations- und Transformationsprozessen in Städten. Obwohl es keine allgemein gültige Definition von Urban Labs gibt, kann der konzeptionelle Ursprung dieser Initiativen auf den Living Lab-Ansatz zurückgeführt werden. „Living Labs“ werden im Allgemeinen als partizipative Plattformen für offene Innovationsprozesse beschrieben, welche die NutzerInnen von Produkten oder Dienstleistungen in deren Entwicklungsprozesse miteinbeziehen. Dieses Konzept hat in den letzten Jahren starken Zuspruch erfahren, weshalb sich eine Vielzahl unterschiedlicher Namen, Ausprägungen und Zielsetzungen ausgebildet hat.

Die „Labification“ städtischer Entwicklungen

Im Rahmen der aktuellen städteplanerischen Entwicklungen wird der Living Lab-Ansatz immer öfter auch in Smart City Strategien angewendet, häufig unter der Bezeichnung „Stadtlabor“ oder „urbanes Labor“. Der Fokus dieser Initiativen richtet sich auf die Bildung neuer Koalitionen, sowie die Gestaltung und Erprobung innovativer Transformationsprozesse. Die spezifischen Aktivitäten beschäftigen sich oft mit Zwischen- oder Nachnutzungen bestehender Gebäude oder Freiflächen, der schrittweisen Umsetzung kleinangelegter Stadtentwicklungsprojekte, der Ko-Kreation von Entwicklungskonzepten von öffentlichen Plätzen oder nachhaltigen Mobilitätslösungen, sowie der Förderung und Einbeziehung von zivilgesellschaftlichen Initiativen. Dabei stehen gemeinsames soziales Lernen, Erfahrungsaustausch und Kooperation im Vordergrund. Das Interesse an der Anwendung des Living Lab-Ansatzes im urbanen Kontext kann auf das Ziel zurückgeführt werden, den öffentlichen Wert (Public Value) von städtebaulichen Maßnahmen, ausgedrückt in wirtschaftlichen, sozialen oder ökologischen Vorteilen, zu verbessern. Dennoch stehen EntscheidungsträgerInnen und PraktikerInnen bei der Initiierung und Etablierung von Stadtlaboren vielfältigen Herausforderungen gegenüber, was wohl auch an der frühen Entwicklungsstufe des Konzepts liegt. Daher hat das von JPI Urban Europe geförderte Projekt „URB@Exp – Towards new forms of urban governance and city development: learning from urban experiments with living labs & city labs“ Leitlinien zum Aufbau, Management und Evaluieren von Urban Labs erarbeitet. Zusätzlich wurde ein „LAB kit“ entwickelt, der PraktikerInnen und EntscheidungsträgerInnen bei der Umsetzung von Urban Labs unterstützen soll. Weitere Informationen dazu finden Sie unter www.urbanexp.eu

Empfehlungen

Die Ergebnisse des transdisziplinären Forschungsprojektes URB@Exp verdeutlichen, dass Urban Labs zum verbesserten Umgang mit den vielfältigen städtischen Herausforderungen unserer Zeit beitragen können. Aufgrund der Komplexität urbaner Systeme ist es von großer Bedeutung, dass ForscherInnen, BürgerInnen, PraktikerInnen und EntscheidungsträgerInnen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung voneinander sowie aus den Erfahrungen lernen, die in anderen Städten hinsichtlich Struktur, Inhalten und Prozessen von Urban Labs gemacht wurden. Dies ermöglicht das Identifizieren von kritischen Erfolgsfaktoren und fördert die konzeptionelle Weiterentwicklung neuer partizipativer Lern- und Kommunikationsformate einer integrativen Stadtentwicklung. Wichtig dabei erscheint das Verwirklichen gemeinsamer Werte wie Transparenz, Offenheit, gewaltfreie Kommunikation, Diversität, Fehlerfreundlichkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Lernbereitschaft. Die Anwendung dieser Grundsätze verringert das den Stadtlaboren innewohnende Risiko, sich in vereinnahmte Instrumente zu verwandeln, die zwar als innovative Methoden zur Förderung einer demokratischeren Governance-Struktur dargestellt werden, aber in Wirklichkeit am Status quo der gewohnten Stadtentwicklungsprozesse festhalten.

ÜBER DEN AUTOR

Thomas Höflehner ist Geograph und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am RCE Graz-Styria. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit integrativen Ansätzen zur Analyse und Steuerung der regionalen Resilienz. Im Rahmen der transdisziplinären JPI Urban Europe Projekte URB@Exp (www.urbanexp.eu) und SmarterLabs (www.smarterlabs.eu) forscht er zu den Themen partizipative Stadtentwicklung, Urban Governance und kooperative Nachbarschaftsinitiativen.