#Konfliktverständnis. Zur Integration visueller Kultur

Bild: Tim Bausch

Während sich die Sozialwissenschaft zumeist auf verbale Kommunikation konzentriert, weisen die vorläufigen Ergebnisse unserer aktuellen Forschung auf die Bedeutung von Bildern hin. Visuelle Elemente eröffnen analytische Zugänge zum Feld und Arbeitsmomente für die Konflikttransformation. Der Beitrag plädiert für eine systematische Hinwendung zum Visuellen in konfliktintensiven Kontexten.

In Folge der Arabisch-Israelischen Konflikte lebt ein großer Teil der PalästinenserInnen in Jordanien und dem Libanon. Die Möglichkeiten zur politischen, kulturellen und sozialen Teilhabe gestalten sich sehr verschieden. Ausgehend von der Überlegung, dass sich jene Unterschiede auch in der visuellen Dimension[1] widerspiegeln, haben wir uns vor Ort mit den sozio-politischen Implikationen des Visuellen gegenstandsnah beschäftigt. Einige unserer Ergebnisse möchten wir hier abstrahieren und zugänglich machen.

Bild(-Kapital), Macht und politische Realität

Bild ist nicht gleich Bild, sondern u. a. abhängig von der Positionierung im Raum, der Materialität und der Kapitalausstattung der Akteure. Hieraus ergeben sich unterschiedliche Darstellungsformen und Machtmomente. Insbesondere in konfliktintensiven Kontexten können visuelle Elemente als Indikatoren gegenüber der politischen Architektur verstanden werden. Die Logik des Politischen spiegelt sich symbolisch in der Logik der Bilddiskurse wider. So zeigen bspw. visuelle Marker auf, wer Herrschaft über ein Gebiet beansprucht, und (staatliche) Repressionen im Bilddiskurs markieren analoge Unterdrückungen im politischen Alltag. Eine simple, aber sehr zuträgliche Leitfrage kann daher sein: „Was wird (nicht) in der visuellen Kultur repräsentiert?“ Nicht alle Akteure besitzen eine gleichwertige diskursive Teilhaberschaft. Wer z. B. einen Zugang Bottom-Up sucht, sollte sich tendenziell Graffitis und Slogans zuwenden. Hier finden sich oft sich vom Mainstream abgrenzende Meinungen und Protestformen.

Bild und Forschungsmethodik

Grundsätzlich bietet die methodische Integration von Bildern als Gesprächsgegenstand, bspw. in Interviews, eine thematische Bodenhaftung. Schweifen Gespräche ab, kann auf diese visuellen Stimuli zurückverwiesen werden. Auch ergeben sich Möglichkeiten für kooperative Ansätze. Bilder schaffen einen gemeinsamen Bezugspunkt. Die methodische Interpretation derer kann dialogisch stattfinden, denn auch Interviewende rezipieren, können auf den Interpretationsraum zugreifen und (sich) preisgeben. So werden Informationsasymmetrien abgeschwächt.

Die Seinsgebundenheit unseres Denkens verschleiert/normalisiert latente gesellschaftspolitische Strukturen und verlagert diese ins Unterbewusste. Bei der Datenerhebung hilft eine Integration von Bildelementen, diese Strukturen zu entschlüsseln. Mittels alltagsnaher Bilder kann ein Reflektieren und Sprechen über diese latenten Strukturen deutlich erleichtert werden. Unmittelbar über Politik zu sprechen, ist nicht in jedem Kontext möglich. Bilder können hier Abhilfe schaffen und stimulieren eine unverfänglichere Gesprächssituation, indem ein indirektes Sprechen (Homologie: Bilddiskurs – politische Realität) ermöglicht wird.

Von der Bild- zur Konfliktbearbeitung

Anhand des Visuellen lässt sich identifizieren, wer am visuellen Diskurs partizipiert. Auf dieser Grundlage kann Raum für Marginalisierte geschaffen werden.

Auch ist verbale Kommunikation mitunter sehr voraussetzungsvoll. Im Rahmen der Konfliktregulierung können Bilder eine alternative Ausdrucksform darstellen.

Bilder subjektivieren, prägen unsere Sicht auf die Welt. In unseren Forschungsergebnissen fällt auf, dass in konfliktintensiven Kontexten visuelle Ausdrucksformen eine sehr hohe Stabilität aufweisen. Diese anhaltende visuelle Manifestation kann auch zu einer Verfestigung von Stereotypen führen. Dynamiken im Bild schaffen Dynamiken im Denken und öffnen die Diskurse. Bilder können wider lebensweltlicher und sprachlicher Barrieren zu einem gegenseitigen Verständnis von Konfliktparteien beitragen. Gemeinsame Bilder, welche die Konfliktlinien überwinden, bilden interkollektive Bezugspunkte und Dialogbrücken.

Konklusion

Die Hinwendung zur visuellen Kultur verspricht analytische Zugänge zum Feld und Arbeitsmomente für die Konflikttransformation. Vorausgesetzt eine (methodische) Integration gelingt.

  • Als Prämisse sollte bedacht werden, dass visuelle Kultur und sozio-politische Realität in einem engen Wechselverhältnis stehen.
  • Bildarten weisen unterschiedliche Kapitalausstattungen und Herrschaftsbezüge auf. Bei der Arbeit mit Bildern gilt es dies zu berücksichtigen. So können auch marginalisierte „Stimmen“ integriert werden. Welche Perspektiven marginalisiert werden, lässt sich u. a. an der Materialität (vgl. Graffiti vs. Parteibild) ablesen.
  • Ob Interview oder Inhaltsanalyse, häufig ist mit verbaler Kommunikation nicht alles „gesagt“. Daher sollte die visuelle Dimension bereits in die Datenerhebung (bspw. als Diskurszugang, Gesprächseinstieg oder Interpretationsgegenstand von Gruppendiskussionen) einbezogen werden.
  • Die Arbeit in Konflikten erfordert Sensitivität. Hierfür ist ein tief gehendes Verständnis gegenüber der sozio-politischen Beschaffenheit des Umfeldes wichtig. Sollte ein Sprechen über bestimmte Aspekte schwierig sein, bieten sich visuelle Elemente als Stellvertreter an.
  • Die gemeinsame Analyse von Bildelementen regt als kooperativer Forschungsansatz den beidseitigen Informationsfluss an.
  • Bilder nehmen Einfluss. Ein Arbeiten an Bildern kann Stereotypen minimieren, Diskurse öffnen und interkollektive Bezugspunkte schaffen.

[1] Die Begriffe Visuelle Kultur, Bild und visuelle Dimension weisen in unserem Beitrag eine hohe Schnittmenge auf. In einem engeren Sinn verstehen wir visuelle Kultur als die Summe aller visuellen Elemente in einer Gemeinschaft. Einzelne Elemente werden von uns auch als Bild bezeichnet; während der Begriff visuelle Dimension den Akzent auf die Mehrdimensionalität der Sinnwahrnehmungen legt.

Weiterführende Literatur

Bachmann-Medick, D. (2008): Gegen Worte – Was heißt „Iconic/Visual Turn”?, in: Gegenworte, Heft 20/2008, 10-14.

Michel, B. (2006): Bild und Habitus. Sinnbildungsprozesse bei der Rezeption von Fotografien, Wiesbaden: VS-Verlag.

Mitchell, W.J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur, München: Verlag C. H. Beck.

Der Autor

Tim Bausch ist Masterstudent der Friedens- und Konfliktforschung (Marburg). Neben seinem Sprecheramt bei der Jungen AFK agiert er an der Schnittstelle von Wissenschaft & Politischer Bildung. Zu seinen Interessenschwerpunkten zählen die Themenkomplexe‚ Diskurse, Macht und Subjektivierungseffekte’ sowie ‚(Gegen-)Ästhetik im Konflikt’.
Demnächst erscheint vom Autor: Bausch, T./Stein, A. (2017): Zur Repräsentationsproblematik von Konflikten und der Macht zu definieren. Potentiale und Grenzen partizipativer und mehrperspektivischer Ausstellungsformate, in: Um Gottes Willen. Die ambivalente Rolle von Religionen in Konflikten (Hrsg.: Austrian Study Centre for Peace and Conflict Resolution).